„Wir treten in einen Lernprozess ein“

Silva Seeler (SPD) erläutert die Einführung der inklusiven Schule Landtagskandidat Tobias Handtke sieht einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung Vor rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern im Hotel zur Eiche in Buchholz informierte die SPD-Landtagsabgeordnete Silva Seeler jetzt über die Einführung der inklusiven Schule in Niedersachsen.

Vertreterinnen und Vertreter aus den Schulen sowie aus den Kommunalverwaltungen im Landkreis Harburg erhielten somit einen Überblick über den grundlegenden Wandel, den das vom Landtag im März verabschiedete Gesetz an den Schulen bewirken soll und wird. Grundlage des Gesetzes ist die UN-Behindertenrechtskonvention, die die selbstverständliche gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen festschreibt. Zur Umsetzung hat sich Niedersachsen als erstes das Schulsystem vorgenommen.

„Jahrelang galt es als richtig, Kinder mit Behinderungen getrennt von den übrigen Kindern zu unterrichten“, sagte Silva Seeler zum Einstieg. Das habe zu einem komplexen Schulsystem mit spezifischen Förderschulen und spezifischen Förderschwerpunkten geführt, der Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder mit Behinderungen inklusiv und wohnortnah in allgemeine Schulen schicken zu können, konnte in Projekten wie „Lernen unter einem Dach“ oder den „Regionalen Integrationskonzepten“ (RIK) nur selten entsprochen werden. Inklusion gehe da jetzt viel weiter, so Seeler. „Die Grundlage zur Entwicklung des inklusiven Bildungswesens ist, dass alle Schulen die Verantwortung für einmal aufgenommene Kinder übernehmen. So fordert es die UN-Konvention.“

Im Niedersächsischen Gesetz heißt es: Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang.(…) In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet. Schülerinnen und Schüler, die wegen einer bestehenden oder drohenden Behinderung auf sonderpädagogische Unterstützung angewiesen sind, werden durch wirksame individuell angepasste Maßnahmen unterstützt.

„Alle Schulen werden also inklusive Schulen werden und Eltern erhalten das Recht, für ihre Kinder die Schulform auszuwählen“, betonte Seeler. Die Maßnahmen starten ab August 2013 in der 1. Klasse, in Ausnahmefällen schon im kommenden Schuljahr sowie ab 2013 in der Klasse 5 der allgemeinen Schulen.

Kritik und Bedenken sowohl der Schulleitungen und Lehrkräfte wurde auf der jetzigen Informationsveranstaltung vor allem in Bezug auf die sogenannten Schwerpunktschulen geäußert. Diese sollen in einem Übergangszeitraum bis 2018 von den Schulträgern bestimmt werden können, damit es zumindest eine inklusive allgemeine Schule in zumutbarer Entfernung für die Schülerinnen und Schüler gibt. Das führe zu einem Parallelsystem, so Förderschulleiter Martin Ihlius aus Buchholz. Schwerpunktschulen widersprächen dem Inklusionsgedanken. Was ist zum Beispiel, wenn für ein hörgeschädigtes Kind aus Hittfeld die Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören in Buchholz ist?

„Ich halte die Schwerpunktschulen auch für keine gute Idee und hoffe die Schulträger werden diese nicht einrichten“, erklärte Seeler, betonte aber auch, dass es diese Regelung deshalb gibt, „weil viel Schulträger befürchten, dass hohe Umbaukosten entstehen könnten, wenn die Schulen behindertengerecht ausgestattet werden müssen – und die Schwerpunktschulen könnten ja auch in interkommunaler Zusammenarbeit errichtet werden.“

Verwaltungsvertreter wie Wolfgang Krause, Samtgemeindebürgermeister Salzhausens, oder Jan-Hendrik Röhse, Dezernent der Stadt Buchholz, bestätigten die Sorge der Kommunen über die Finanzierbarkeit der Gesetzesumsetzung. „Wir wollen gerne allen Kindern die gemeinsame Beschulung ermöglichen, fühlen uns aber als Schulträger vom Land im Stich gelassen“, sagte Iris Hennig von der Samtgemeinde Hanstedt. Seeler entgegnete: „Ich fände es um der guten Sache Willen sehr schön, wenn die Schulträger die Kosten aufbrächten. Das wird sicherlich einiges kosten, aber es wird nicht so teuer, wie von vielen gemutmaßt.“
 

Die Befürchtungen der Schulen, nicht genug Förderschullehrerstunden zu bekommen oder insbesondere beim Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung pädagogisch vor sehr schwierigen, entscheidenden Aufgaben zu stehen, konnte Silva Seeler ebenso nachvollziehen, wie den Wunsch nach qualifizierten Schulentwicklungsberatern.

„Wir dürfen bei all dem nicht vergessen, dass wir in einen Lernprozess eintreten, in eine schwierige Zeit des Übergangs“, betonte die SPD-Bildungspolitikerin. „Es muss ein fortlaufender Dialog zwischen Schulen, Eltern, Schulträgern und politisch Verantwortlichen über die Einführung der Inklusion an den Schulen geben. Wir stehen am Beginn einer richtigen und notwendigen Entwicklung.“

Abschließend bat Seeler darum, dass alle Beteiligten ihre Sorgen und Nöte in diesem Entwicklungsprozess laut und deutlich kundtun. „Nur so wird die Politik aufmerksam und kann gegebenenfalls Verbesserungen und Änderungen in Gang bringen.“ Man müsse sich immer wieder sagen, dass Inklusion ein Menschenrecht ist. Und dafür lohnt es sich zu streiten.

Landtagskandidat Tobias Handtke informierte sich persönlich vor Ort und freute sich mit Silva Seeler, dass hier nun ein wichtiger Schritt unternommen wurde. Als Kreistagsabgeordneter und Gemeinderatsmitglied sieht auch er die finanziellen Herausforderungen, die auf die Kommunen zu kommen. „Wir müssen uns auf kommunaler Ebene strecken. Es gibt jedoch keine Alternative, wenn wir die soziale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen weiterhin ernst nehmen wollen.“ erklärte Tobias Handtke zum Abschluss im Gespräch mit Beteiligten.